Freitag, 21. März 2014

Anfang der Geschichte „Jakobs Prophezeiung“


Nacktes Entsetzen (9 Geschichten)
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Anfang der Geschichte „Jakobs Prophezeiung“
Seit seiner Kindheit schlief Kevin Muthart mit brennender Lampe, aber nicht, damit seine Augen bis zum Einschlafen ihr tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge spielen konnten. Die Wahrheit war schlicht: er fürchtete sich in der Dunkelheit. Kevin erkannte die Verrücktheit seiner geistigen Verfassung, war aber nicht in der Lage etwas daran zu ändern.
Todesbereitschaft hatte ihn gepackt, wenn seine Mutter das Märchenbuch zuklappte und das Licht löschen wollte. Ein Junge biss die Zähne zusammen, aber wenn das Licht ausging, lösten sich aus hundert Ecken des Raumes gespenstische Schatten: Vampire, Wölfe und der schwarze Mann.
Das Bett über den Kopf gezogen und eingerollt, wartete er, dass sie zupacken würden, ihm Zähne und Klauen ins weiche weiße Fleisch schlugen und in die Hölle zerrten, auch der Himmel war kein geheurer Ort. Mit einem Wort, er fürchtete sich so sehr vor dem Tod, dass er in der Dunkelheit bis zur Erschöpfung bibberte, bevor er wegsackte.
An seinem fünften Geburtstag bekam seine Neigung zur Ängstlichkeit einen weiteren Schub. Seinen Vetter Jakob, der immer zu Schabernack aufgelegt war, hatte Kevin gebeten, ihm seine neusten Zaubertricks zu zeigen. Dass er ihm mit langen geschickten Fingern die Nase schwupp die wupp aus dem Gesicht pflückte, machte ihm keine Angst mehr. Wenn er später in den Spiegel kuckte, war sie immer wieder am rechten Ort.
An diesem Junitag, Kevin hörte bis zum heutigen Tag die schrillen Schreie der Mauersegler, kam Jakob mit einer Überraschung. Er hatte nämlich Unterricht genommen bei der Wahrsagerin Mathilde Matterhorn und nichts Eiligeres zu tun, als Kevin von seiner Kunst ein Kostpröbchen zu geben. Mit einer Art Okular blickte er Kevin in die Augen, zuerst stumm und dann beredt ohne Verständliches zu reden:
„Oh, uhu, haaa, uijuijui, nee, der Hase schlägt Haken, Mensch, Mensch Mensch, wer hätte das gedacht!“
„Was ist denn“, fragte Kevin.
„Moment, da ist noch was in der Iris“, sagte Jakob.
„Ist es schlimm?“, fragte Kevin.
„Ich fange mal mit dem Schönen an“, sagte Jakob. „Wie lange du lebst.“
„Nein, nein, will ich nicht, nicht wissen!“
„Gut, dann sage ich es dir“, sagte Jakob. „Es sind 10 x 5 Jahre. In dem Jahr kommst du in den Himmel oder in die Hölle.“
Kevin überlegte, jetzt war er fünf und dann noch zehn mal davon, das war nicht lange. Melanie war zehn Jahre alt, sie war noch nicht alt und dann noch fünf. Er wollte aber nicht tot sein mit 10 und noch mal 5 Jahren. Er schluckte vergeblich, drehte die Augen zum Himmel, in den blauen Tränen flappten hilflose Mauersegler, kullerten stumm die Backen hinunter. „Ich wollte es nicht wissen“, sagte er und dann immer wieder ganz leise zu sich selbst.
Kevin hatte keine Ohren für Jakobs Beteuerungen, er habe ihm nur einen Streich spielen wollen, was ganz Harmloses, genau so harmlos wie das wandernde Portmonee an der unsichtbaren Schnur.
„Das hat dir doch gefallen“, sagte Jakob. „Du wolltest es immer wieder spielen. Ist doch nur ein Streich gewesen, ich kann doch gar nicht vorhersagen, niemand kann in die Zukunft blicken.“
Aber das wusste Kevin besser. Hexen konnten hellsehen und Zauberer konnten zaubern und Jakob war ein Zauberer und hatte bei Mathilde Matterhorn einen Kurs besucht, also konnte er auch sagen, was die Zukunft brachte.
Und außerdem hatte er angekündigt, dass Kevin von Tante Lilli eine elektrische Orgel bekommen würde. Und das stimmte doch.
Nach und nach beruhigte Kevin sich wieder, das Staunen über die bunte Vielfalt der Welt, über Schmetterlinge, Bachstelzen und Schneemänner schliff die scharfen Ränder der Prophezeiung rund.
Es war im zweiten Schuljahr, dass die Erinnerung an jene Prophezeiung erneut aufblitzte. Das kleine Einmaleins stand auf dem Plan und 10 mal 5 machte 50. Das war viel, eine unüberschaubar lange Zeit, schon die Sommerferien waren so unendlich lang beim Kaulquappen fangen, gläservoll. Und die älteren Jungen kitzelten Forellen aus ihren Böschungsverstecken. Oh, wie sie in den Händen zappelten, bis ein gnädiger Knüppel ihre Seelen erlöste.
Nur selten wurde er seither nicht vom Gedanken an den Tod geplagt. Kevin gehörte zu den schwermütigen Menschen, denen auf Schritt und Tritt der knochige Begleiter die Sinne lenkte. Woran sonst als an den Tod sollte er denken beim Anblick eines Kreuzes, einer Kerze, einer Seifenblase, eines Flusses, eines blutigen Steaks, beim Klang einer Melodie oder auf dem Gipfel eines Orgasmus.
Dennoch behinderte ihn die Vorhersage bis zum fünfzigsten Lebensjahr nicht sonderlich. Er begann mit dem Studium der Philosophie, schrieb die Musik für einen Tatort, wurde von der Werbebranche entdeckt, komponierte Jingles am Band und lebte gut dabei.
Wenn er sich an Jakobs Prophezeiung erinnerte, zuckte er mit den Schultern und hatte meist etwas anderes zu tun, eine Frau zu lieben oder noch schnell einen Werbespot zu komponieren. Bis zu jenem Sonntag im Mai.
Er hatte nicht ergründen können, welche geheime Assoziation vom gestrigen Feuerwerk zur Voraussage des Vetters geführt hatte. Vielleicht das Feuerwerk als Symbol für die Einheit von Schönheit und Tod. Aufsprühende Lichtblumen, kaum da und schon verpufft.
Seit jener Nacht war die Erinnerung an die Todesformel hellwach. Unerbittlich näherte sich der bestimmte Tag dem Echo aus der Kindheit: „Es sind 10 x 5 Jahre genau.“
Die 50 füllte seinen Horizont komplett, kaum noch ein anderes Thema in seinem Kopf. Jeder Schwingsessel eine fünf und jeder Knopf eine Null, wohin er schaute, eine fünf war schon da. Seine Hände hielt er nur noch geballt, bis er in der Faust eine Null sah, hielt die Hände dann grotesk verdreht, bis auch die Form ihn an nichts anderes erinnerte als ans Ende.


Die letzte Lektion
Der Mörder wartet nicht, bis ein Lehrer aufzeigt. Im Nu sind einige Lehrer in die ewigen Ferien verabschiedet worden. Warum gerade Lehrer? Stimmt, Bankmanager hätten es auch getan, aber es sind halt Lehrer geworden.
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