Samstag, 12. April 2014

Nützliche Viren (dritter Teil)

(dritter und letzter Teil einer kurzen Geschichte)
Bei der Firma Schuffel gibt es heute Morgen niemanden, der Sarah an der Rezeption ein Lächeln schenkt. Und niemand sorgt dafür, dass Kaffee fertig ist, wenn Mark in die Firma kommt oder dass die Post für ihn bereitliegt, geordnet vom Dringenden und Drängenden bis zum Unwichtigen. Die Junkpost bereits im Papierkorb.
Ja, als Angela ankommt, 20 Minuten zu spät mit schmutzigen Absätzen, zieht sie als erstes ihre Lippen nach und ihren Rock einen Handbreit höher. Die Busfahrt ist Gift für ihre natürliche Schönheit. So ist es kein wirkliches Wunder, dass es schon halb zehn ist, bevor jemand bemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Mark kommt gerade die Stufen zu seinem Büro hinauf, als Angela ihren Computer anwirft. Er begrüßt Angela und fragt etwas, das sie nicht mitbekommt, denn sie ist abgelenkt: Der Monitor bleibt blank.
Und das bleibt auch so, nachdem sie den Computer zuerst runter- und dann wieder hinaufgefahren hat. Marks Rechner funktioniert auch nicht, Sandras an der Rezeption verweigert ebenfalls den Dienst, genauso wie der von Friedhelm im Lager. So um 11.30 Uhr ist klar, dass das gesamte Computernetz ausgefallen ist. Natürlich könnte die Produktion weiterlaufen, da jede gefertigte Einheit jedoch vom System erfasst werden muss, stehen die Arbeiter an den Maschinen herum und palavern über die Bundesligaergebnisse.
Dass die Klimaanlage aus Solidarität mit den Computern streikt oder einfach nur durch Zufall nicht funktioniert, ist besonders fatal, gerade jetzt, wo kühle Luft in Marks Büro so dringend nötig wäre. Und wie sein Kopf glüht, nachdem er sämtliche Knöpfe und Schalter gedrückt hat. Alles, was per Hand gemacht wurde oder als Papier in Ordnern landete, wird nach den Neuerungen vom Hightech-System kontrolliert. Marks ganzem Stolz.
Zur Mittagszeit ruft Mark die Abteilungsleiter ins Büro und schickt die Mitarbeiter für den Rest des Tages nach Hause. Die letzten zwei Stunden hat er versucht den Computerexperten zu erreichen, der die verfluchte Chose angerichtet hat. Aber der ist offenbar im Urlaub. Es wird jemanden geben, der sich damit auskennt. Mir nichts dir nichts wird das System wieder laufen. Morgen früh ist alles wieder in bester Ordnung, dann taugt die Geschichte nur noch als Anekdote. Mark ist ganz sicher. Aber erst mal sollen die Leute den halben Tag freinehmen, damit sie morgen mit besonderem Elan wieder an die Arbeit gehen, um den Produktionsausfall von heute auszugleichen.
Am späten Nachmittag, um sechs Uhr um präzise zu sein, gibt Mark auf. Kurzfristig sei da gar nichts zu machen. Er hat nicht mitgezählt, würde die Worte aber kein weiteres Mal mehr ertragen können, ohne auf die Palme zu gehen. Also knirscht er mit den Zähnen, besinnt sich und muss sich eingestehen, dass es nur eine Person gibt, die mehr von der Firma weiß als jede andere. Er ruft Maria an. Aber Marias Telefon wird nicht abgehoben, in der Dunkelheit ihrer Wohnung schellt und schellt es, bis die letzte Spinne sich die Ohren zuhält. Niemand hat am Morgen die Vorhänge zurückgezogen, niemand hat den Briefkasten geleert, denn Maria wird nie wieder frühmorgens bei irgendeiner Arbeit erscheinen.
Auf einer kleinen sonnigen Insel in einem blauen Ozean ganz weit weg, da reicht ein junger Mann einer gut erhaltenen älteren Frau einen knallbunten Cocktail mit Schirmchen. Maria genießt die Aufmerksamkeiten ihres jungen Freundes.
Ach ja, sie hätte den Job bis zu ihrem Sechzigsten ganz gern behalten, und ja, sie war wirklich niedergeschlagen, so schmählich entlassen zu werden ohne Anerkennung und gebührenden Respekt. Und natürlich auch wegen der Abfindung, die Herr Schuffel ihr versprochen hatte.
Aber sie war sicherlich nicht zu den Computerkursen gegangen, um Mark doch noch umzustimmen. Solch ein Versuch wäre völlig sinnlos gewesen, das wusste sie sehr wohl. Die Kurse hatte sie besucht, um herauszufinden, wie sie Mark am zielgenausten treffen konnte, wenn sie weg war. Maria hatte immer gehofft, sofort aufbrechen zu können, wenn sie sechzig geworden war. Das Ersparte abheben, die vom alten Herrn Schuffel versprochene Abfindung dazutun und nichts wie weg. Den Sonnenschein genießen, den es da draußen in Hülle und Fülle gab, schließlich war irgendwo immer Frühling auf diesem schönen Erdenball. Jetzt ist sie nur gezwungen worden, ein bisschen früher in die Welt zu ziehen, das ist schon alles.
Außerdem gab es da eine Kleinigkeit, über die sie sich keine Illusionen machte. Wenn das neue System einmal lief und jemand anderes Zugriff auf all die alten Ordner und Dokumente hatte, dann würde dieser jemand bald herausfinden, dass sie über die letzten zwanzig Jahre einen gewissen finanziellen Anreiz für sich abgezweigt hatte. Wenn sie allerdings in der Lage wäre, das neue System zu verstehen und zu bedienen, würde sie ihre Spuren löschen und vielleicht noch ein kleines Extra als Bonus mitnehmen können. Natürlich ist sie immer eine Modellangestellte gewesen, denn wie sonst hätte sie vermeiden können, dass Kollegen auf Ideen kamen? Gefährliche Ideen. Herr Schuffel war immer ein guter Chef gewesen und Maria hatte nicht einmal die Nase gerümpft, dass Herr Schuffel ein Liebesleben neben seinem Leben hatte. Menschen mussten sich die Liebe holen, wo sie nur konnten, war ihr Motto. Ganz anders als sein Sohn war der Alte ein Gentleman, aber auch ein bisschen ein Idiot.
Maria lehnt sich zurück auf ihrer Sonnenliege, nippt am kunterbunten Cocktail, zupft ihren lichtblauen Badeanzug zurecht, der ihre Bräune betonen wird und freut sich auf den Virus, der sich nächste Woche aktivieren wird. Durch süße Rache wird ihr süßes Leben noch süßer in der drauffolgenden Woche und der Woche danach und … Sie schätzt, dass es einige Monate dauern wird, bis sie all die versteckten Viren entdeckt und eliminiert haben werden. Schließlich war ihr Computerlehrer ein Experte und Maria hatte ein natürliches Talent, sich das Notwendige anzueignen. Und der junge Mann, der das System installierte, hat ihr gezeigt, was sie tun musste, um es zu ihrem besten Nutzen zu gebrauchen, geradeso wie er jetzt neben ihr sitzt und genau weiß, was zu tun ist zu ihrem besten Nutzen.
Die letzte Lektion
Der Mörder wartet nicht, bis ein Lehrer aufzeigt. Im Nu sind einige Lehrer in die ewigen Ferien verabschiedet worden. Warum gerade Lehrer? Stimmt, Bankmanager hätten es auch getan, aber es sind halt Lehrer geworden.
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